Was müssen blinde Menschen eigentlich am iPhone tun, um erfolgreich an einer BigBlueButton Videokonferenz teilnehmen zu können? Mit der Bitte um eine kleine Anleitung kam der KOM-IN-Netzwerk e.V. auf uns zu.

Was ist der KOM-IN-Netzwerk e.V.?

“KOM-IN” leitet sich aus den beiden Worten Kommunikation und Information ab. In der Hauptsache stellen wir Informationen für blinde Menschen barrierefrei zur Verfügung. Wir produzieren Blindenhörzeitschriften und Podcasts, die nicht nur für Menschen mit Behinderungen interessant sind.

So beschreibt sich das KOM-IN-Netzwerk selbst. Das war auch das erste das ich las, als die Frage nach einer kleinen Anleitung zu BigBlueButton mit dem iPhone in das E-Mail-Postfach flog. Da war mein Interesse natürlich geweckt. Barrierefreie Informationen und Podcasts? Da konnte ich wirklich nicht “nein” sagen.

Dieser Eindruck bestätigte sich beim ersten Telefonat. Ein sehr netter Kontakt mit einem Faible für Open-Source. Wir einigten uns also auf ein Tutorial für’s iPhone und einen begleitenden Gastartikel. Der Umfang war auch klar umrissen: “Was müssen blinde Menschen tun, um einer Konferenz beizutreten, die mit einem Sicherheitscode geschützt ist und um ihr Mikrofon freizugeben?”

Woher kam der Kontakt?

Interessant war, wie der Kontakt zu Stande kam. Erst gab es bei Mastodon die Frage, ob es ein solches Tutorial gibt oder Jemand Jemanden kennt, der es umsetzen könnte. Unter Anderem kam als Antwort von Ferdinand Soethe der Hinweis auf unsere BigBlueButton-Screenreader-Tutorials.

Was wir daran wieder einmal sehen ist, dass das Vernetzen in der Free & Open-Source-Szene spannende Kontakte zu Tage führt. Gerne möchte ich einen Einblick geben, wie sich die Arbeit an diesem Projekt gestaltete:

Ein steiniger Weg

Frisch motiviert machte ich mich ans Werk. Das iPhone hat ja eine “Bildschirmaufnahme” Funktion, die neben dem Bildschirminhalt auch den Ton von VoiceOver aufzeichnet. Einen Probedurchgang und ganz viel Troubleshooting später war mir klar, dass es wohl doch nicht so einfach werden würde.

Sobald das Mikrofon beim iPhone aktiviert wird, nimmt die “Bildschirmaufnahme” Funktion den Ton nicht mehr auf. Also musste eine andere Lösung her. Plan B war, mit einem Adapter von Lightning auf 3,5 mm Klinke zu arbeiten. Ich weiß nicht, wie es in euren Kabelschubladen aussieht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass dieser winzige Adapter ein besseres Leben irgendwo hat, wo er nie wieder arbeiten muss. Gut für den Adapter - schlecht für mich. Also brauchte es einen Plan C.

Plan C

Plan C bestand darin, dass ich meine Bettdecke über mich, meinen Laptop und mein iPhone drapierte, um ohne störende Nebengeräusche alles aufzuzeichnen, das aus meinem iPhone kommt. Dabei ganz wichtig: Nicht mehr als unbedingt nötig bewegen, um Nebengeräusche zu vermeiden. Ich habe mich dran gehalten. Meinem Laptop wurde es zu warm, sodass er lautstark auf sich aufmerksam machen musste. Am Ende hatte ich aber die Aufnahmen, die ich brauchte. Fehlten noch die Sprachaufnahmen.

Nochmal unter die Decke

Um dafür möglichst klare Aufnahmen zu kriegen, ging es wieder unter die Decke. Sowohl ich als auch mein Laptop durften vorher aber mal ordentlich durch atmen. Mittlerweile schien mir zusätzlich die Sonne direkt auf den Kopf. Die Aufnahmen klappten ohne weitere Zwischenfälle.

Bearbeitung

Die Bearbeitung des Ganzen (meine nicht ganz so heimliche Leidenschaft) zeigte, dass meine Sprachaufnahmen deutlich lauter waren als die, die ich vom iPhone vorher gemacht hatte. Nun galt es einen Kompromiss zu finden. Einerseits mussten die Aufnahmen des iPhones lauter gemacht werden. Andererseits wollte ich Hintergrundgeräusche nicht zu prominent platziert haben. Ein High-Pass Filter um 400 Hz nahm schonmal die ganzen Bässe heraus, die durch den Straßenverkehr sehr aufdringlich geworden wären. Noch einen High-Shelf Filter um 5000 Hz, um die Höhen etwas zu bändigen und die iPhone-Aufnahmen waren nutzbar.

Die Sprachaufnahme bekam einen Equalizer und einen Kompressor verpasst und war damit auch einsatzbereit. Nun galt es nur noch, die Aufnahmen so zu platzieren und zu schneiden, dass sich ein schlüssiger Beitrag ergibt. Das ist Detailarbeit, in der ich mich verlieren kann.

Als letztes kam noch etwas musikalische Untermalung dazu, um die Einleitung und das Ende vom Hauptteil zu trennen. Hier stellte sich später raus, dass ich einen Kompromiss eingehen musste, um die Lautstärkenverhältnisse richtig zu wählen. Was auf liniaren Kopfhörern funktioniert, muss noch lange nicht auf grausam klingenden Laptop Lautsprechern klappen.

Alles alleine?

Ob ich das alles alleine durchgezogen habe? Nein. Natürlich hatte ich Hilfe. Der eine oder andere Typo war sehr hartnäckig und wollte von Kollegen beseitigt werden und als blinder Mensch wäre es mit der Bildbearbeitung auch nicht geglückt. Aber dafür arbeiten wir ja im Team auch auf Distanz eng zusammen.

Das Ergebnis

Wer jetzt neugierig geworden ist, der findet den Gastbeitrag und die Anleitung als Audiodatei im KOM-IN-Netzwerk

Noch Fragen?

Interesse an weiteren Einblicken? Lust, das eigene Projekt mal blind zu erleben? Oder reicht der kurze Hinweis auf vorhandene Barrierefreiheitsprobleme? Vieles ist möglich. Lasst uns einfach mal drüber sprechen. 030 280 400

Dennis Westphal

Weitere interessante Artikel