Ihr habt euch mit Barrierefreiheit schon mal befasst, das ist prima. Aber wie könnt ihr überprüfen, ob die umgesetzte Theorie auch wirklich praxistauglich ist? Die Zeiten, in denen man sich als Webentwickler nicht mal eben einen Screen Reader zum Testen zulegen konnte, sind vorbei. Heute muss man nicht mehr mehrere tausend Euro für eine Lizenz bezahlen - die kostenlosen und großenteils quelloffenen Screen Reader sind praxistauglich.

Dennis Westphal auf dem Drupal Camp Schwerin während seiner Session zur Barrierefreiheit

Um sich das eigene Webprojekt selbst mal mit einem Screen Reader anzuschauen, habt ihr folgende Möglichkeiten:

Windows

Unter Windows kann man sich den Open-Source Screen Reader NVDA herunterladen. Wird das Programm ausgeführt, befindet sich im Systemtray ein Icon von NVDA. Mit einem Rechtsklick auf das Icon öffnet sich ein Kontextmenü, durch das sich NVDA auch wieder beenden lässt.

Das NVDA-Menü, in dem sich unter anderem die Einstellungen befinden, lässt sich mit dem Shortcut Einfügen+N aufrufen. Die Navigation geschieht im Wesentlichen durch die Tabulator-Taste. Möchte man sich durch einen Text navigieren, so kann man das für den Anfang am leichtesten mit den Pfeiltasten zeilenweise tun. Weiterführende Informationen finden sich im Handbuch, welches sich ebenfalls über das NVDA-Menü (Einfügen+N) erreichen lässt.

Mac OS

Hier kann man das bereits vorhandene VoiceOver über den Shortcut Command + F5 ein- und ausschalten. Die Navigation findet hier allerdings nicht über die Tabulatortaste statt. Man benutzt die Pfeiltasten (rechts/links) zusammen mit den Tasten Control und Alt, um zum nächsten (rechts) oder vorherigen (links) Element zu navigieren. Das schließt auch Absätze in Fließtexten ein.

Linux

Unter Linux lässt sich orca aus den mitgelieferten Paketquellen installieren. Die Navigation läuft hier auch über die Tabulatortaste. Die restlichen Tastenkürzel lehnen sich stark an die von NVDA an.

iOS

Unter iOS lässt sich durch dreimaliges schnelles Drücken des Homebutton das bereits vorhandeneVoiceOver aktivieren. Genau so lässt es sich auch ausschalten. Man kann auch Siri darum bitten, VoiceOver ein- und auszuschalten. Die Navigation lässt sich jetzt zweierlei gestalten. Entweder mit schnellen Wischbewegungen nach rechts oder links auf dem Display, um zum nächsten bzw. vorherigen Objekt zu springen - oder man platziert einen Finger auf dem Display und bekommt vorgelesen, welches Objekt sich unter dem Finger befindet.

Android

Auch Android hat bereits einen Screen Reader an Bord: Talkback. Hier gestaltet sich die Benutzung ähnlich wie bei VoiceOver unter iOS. Drückt man, nachdem man einmal Talkback in den Einstellungen aktiviert hat, beide Lautstärketasten für ca. 2 Sekunden, kann man Talkback so ein- oder ausschalten. Möchte man ein Element aktivieren, muss man erst den Fokus darauf setzen und anschließend mit einem Finger einen Doppeltipp ausführen.

“Das reicht mir aber noch nicht”

Wer einen tieferen Einblick mit eigener Praxiserfahrung bekommen und dabei angeleitet werden möchte, kann sich gerne an die Gesellschaft zur Entwicklung von Dingen wenden. Wir bieten neben der Praxiserfahrung als Schulung ebenfalls die Evaluierung von Software- und Webprojekten bezüglich Barrierefreiheit an. Nicht nur für Blinde, selbstredend. So könnt ihr sicher sein, dass euer Projekt von jemandem getestet wurde, der im Alltag auf Barrierefreiheit angewiesen ist und dadurch einen praxisbezogeneren Blick auf Stärken und Schwächen des Projekts hat. Selbstverständlich gibt es dann auch individuelle Handlungsempfehlungen.