6 Mythen über die Barrierefreiheit

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Viele meiner Gespräche kommen irgendwann auf das Thema Barrierefreiheit. Dabei sind mir so einige Mythen begegnet, die sich sehr hartnäckig halten. Mit ein paar Irrtümern möchte ich hier aufräumen. Dabei sei gleich zu Beginn gesagt, dass ausdrücklich Barrierefreiheit für alle Menschen gemeint ist.

Für wen ist dieser Artikel eigentlich?

Der Artikel richtet sich nicht an eine bestimmte Zielgruppe. Das mag ein unüblicher Ansatz sein. Allerdings ist er bewusst gewählt. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass Barrierefreiheit alle etwas angeht und ein gewisses Grundverständnis dafür nicht weit genug gestreut werden kann. Also versuche ich, möglichst nachvollziehbar ans Thema heranzuführen. Dabei spreche ich aus Erfahrungen, die ich als blinder Mensch gemacht habe. Es reicht aber nicht aus, dass man sich bei Barrierefreiheit auf diese Gruppe beschränkt!

Mythos 1: Sprachassistent, genau, den habe ich auch!

Es mag zunächst logisch erscheinen, dass blinde Menschen ihren Computer mit Siri, Alexa und Co steuern. Irrtum!

Woher kommt das?

Der eine oder andere hat vermutlich schon einmal mitbekommen, dass Smartphones oder Computer von blinden Menschen häufig mit einer Sprachausgabe genutzt werden. Und woher kennt man es sonst noch, dass technische Geräte mit einem sprechen? Richtig, von Sprachassistenten. Also zieht man schnell den Schluss, dass es sich um eine Art Sonderfunktion von ihnen handeln könnte. Weit gefehlt.

Wie ist es richtig?

Blinde Menschen nutzen durchaus Sprachassistenten - allerdings eher für wenig komplexe Aufgaben. Vielleicht um einen bestimmten Podcast, einen Radiostream zu hören oder schnell einen Timer zu stellen. Die eigentliche Interaktion aber, mit dem Smartphone beispielsweise, geschieht mit einem Screenreader.

Ein Screenreader ist vereinfacht gesagt ein Übersetzer. Liegt mein Finger auf dem Display und ich bewege ihn, bekomme ich von einer Sprachausgabe vorgelesen, was sich auf der ertasteten Stelle befindet. Das kann ein Sprachassistent nicht leisten. Ohne Touchscreen nutzt man verschiedene Tastaturkürzel, um Informationen ausgegeben zu bekommen.

Mythos 2: Das lässt sich nicht barrierefrei machen!

Diese Aussage ist ein absolutes Hassobjekt für mich. Dabei möchte ich niemandem, der diesen Satz gedacht oder gesagt hat, einen Vorwurf machen. Wenn man nicht so tief im Thema Barrierefreiheit steckt, mag es unvorstellbar sein, wie beispielsweise ein Flugsimulator barrierefrei gestaltet werden kann. Aber es geht tatsächlich.

Woher kommt das?

Ich vermute, dass es zwei Ursachen gibt. Die eine ist, dass das Wissen darüber fehlt, welche Techniken man nutzen kann, um auch komplexeste Anwendungen barrierefrei zu machen. Die andere ist, dass es an der nötigen Fantasie fehlt. Obwohl ich allein schon wegen meiner Blindheit selbst sehr tief im Thema stecke, staune ich immer wieder über die kreativen Barrierefreiheitslösungen, auf die manche Menschen kommen.

Wie ist es richtig?

Insbesondere bei den kreativen Lösungen gibt es viel zu entdecken. Die Gamer-Szene ist da wirklich eindrucksvoll unterwegs. Microsoft hat beispielsweise einen adaptiven Controller im Angebot. Damit lassen sich Spiele auch durch Menschen mit motorischen Einschränkungen genießen. The Last of us 2 setzt softwareseitig ganz neue Maßstäbe. Es ist mit Anpassungen für verschiedene behinderungsspezifische Einschränkungen ausgestattet. Zu Recht gab es dafür unglaublich viel positive Presse.

Mythos 3: Barrierefreiheit schränkt das Design ein!

"Das kann man nicht barrierefrei machen. Sonst sieht es nicht mehr so schön aus!" Auch dieser Mythos hält sich nach wie vor hartnäckig. Gerne auch in Verbindung mit speziellen zusätzlichen Seiten, die besonders barrierefrei sein sollen, wo aber plötzlich die Hälfte der Inhalte fehlt. "Barrierefrei" bedeutet dabei leider auch häufig, dass es sich um eine Sammlung von Links handelt, die wiederum auf ganz normale Seiten verweisen. Selbst wenn es akzeptabel wäre, eine gesonderte Seite für Behinderte anzubieten, wäre die Umsetzung dadurch zutiefst fehlerbehaftet.

Wer jetzt vor allem an Farben gedacht hat: Zugegebenermaßen mag es ärgerlich sein, wenn die schöne Farbkombination wegen mangelnden Kontrasts geändert werden muss. Aber das bedeutet ja nicht, dass es einfach keine schicken Kombinationen gebe, die barrierefrei sind.

Woher kommt das?

Die Möglichkeit, dass Screenreader komplexe Webtechnologien vernünftig verarbeiten können, war nicht immer gegeben. Daher gab es in der Vergangenheit tatsächlich Probleme damit, Layouts bzw. interaktive Konzepte so zu gestalten, wie man wollte, ohne dabei die Barrierefreiheit zu gefährden. In E-Mails, die mit HTML gestaltet werden, ist das heute noch so. Besonders auffällig ist das, wenn Tabellen für das Text-Layout benutzt werden. Spaß macht es dann nicht, wenn der Screenreader für jeden Absatz ankündigt, dass er dafür zwischen mehreren verschachtelten Tabellen wechseln muss.

Wie ist es richtig?

Richtig ist, dass ein einziger Grundsatz schon viel bewirken kann, nämlich: Inhalt vom Design trennen! Dass das zusammen gehört, wird man mir jetzt entgegnen wollen. Für die Barrierefreiheit ist es sinnvoll, zunächst das Gerüst der Seite in HTML zu erstellen. Vorausgesetzt, der semantische Aufbau (z. B. die Überschriftenstruktur) ist schlüssig, kann im Anschluss alles ganz besonders hübsch gemacht werden. Ich weiß, dass das oft andersrum gemacht wird. Klar. Der Kunde will ja sehen, was er bekommt. Aber nur, weil der Werbeprospekt ein fertiges Haus zeigt, verzichtet man ja nicht auf die Rohrleitungen, bevor man dekoriert.

Mythos 4: Barrierefreiheit? Das ist ausschließlich Sache der Entwickler!

Barrierefreiheit ist ein komplexes Thema. Und ja, Entwickler können sehr viel dafür tun, indem sie sich barrierefreier Praktiken bedienen. Das Thema deshalb aber auf sie abzuwälzen, ist zu kurz gedacht. Trotzdem schon mal danke dafür, dass an Barrierefreiheit überhaupt gedacht wird!

Woher kommt das?

Wenn landläufig über Barrierefreiheit geschrieben wird, findet man häufig zwei prinzipielle Aussagen:

  • Bauliche Barrierefreiheit besteht aus Rollstuhlrampen.
  • Barrierefreiheit für Blinde ist technisch total kompliziert.

"Technisch kompliziert? Na, dann soll unser Entwickler sich darum kümmern!"

Wie ist es richtig?

Richtig ist, dass Entwickler einen Teil zur Barrierefreiheit beitragen. Und zugegeben, dieser Teil ist entscheidend. Genauso entscheidend ist aber beispielsweise, dass das Design kontrastreiche Farben verwendet und ausreichend "Weißraum" zwischen inhaltlich unterschiedlichen Elementen vorsieht. Und dann natürlich die redaktionellen Aufgaben:

  • Ist die richtige Sprachauszeichnung gesetzt?
  • Ist die Überschriftenstruktur sinnvoll?
  • Sind Bilder korrekt beschrieben?
  • Sind Datentabellen sinnvoll aufgebaut?

Das sind nur ein paar Fragen, die man sich stellen muss. Und da sind weitere Dinge wie die Gebärdensprache und Untertitel für Videos oder das Verwenden von Leichter bzw. einfacher Sprache noch gar nicht berücksichtigt. Das sind alles Voraussetzungen, die dafür sorgen, dass die Vorarbeit eurer Entwicklungsabteilung überhaupt erfolgreich sein kann.

Mythos 5: Barrierefreiheit kann man automatisiert testen!

Ich lese es immer wieder: Das Versprechen, dass Barrierefreiheitschecker XYZ ein umfassendes Gutachten ersetzen kann. Und ich verstehe, warum das so verlockend ist. Einen automatischen Test einfach drüber laufen zu lassen, ist schneller und billiger, als Menschen mit dieser Aufgabe zu betrauen, die den Umgang mit Screenreadern gewohnt sind.

Woher kommt das?

Ich habe es schon kurz erwähnt: Die schematische Testung ist schneller und günstiger. Und heutzutage lassen sich so viele Dinge automatisieren, dass man nicht glauben kann, dass ausgerechnet hier eine Ausnahme vorliegen soll.

Wie ist es richtig?

Richtig ist, dass die verschiedenen automatisierten Tests auf Barrierefreiheit Anhaltspunkte liefern können. Je nachdem, auf welche Zahlen man sich stützt, finden diese Tests aber nur 40 % der Barrierefreiheitsprobleme. Weniger als die Hälfte ist natürlich besser als gar nichts. Aber ein Webshop, indem ich alles tun kann, außer die Artikel in den Warenkorb zu legen, bleibt deswegen trotzdem kaputt.

Diese Tests können außerdem bisher nur sagen, ob bestimmte Dinge vorhanden sind. Nicht aber, ob sie sinnvoll eingebunden wurden. Stellen wir uns das Bild einer Zitrone vor. Dieses Bild bekommt die Bildbeschreibung "Kuchenstück". Passt nicht zusammen? Nein, wir verbinden das nicht und machen daraus ein Zitronenkuchenstück. Ein automatisierter Test sieht jetzt nur: "Da ist ein Bild mit einer Bildbeschreibung". Dass diese aber überhaupt nicht zum Bild passt, wird ihm entgehen.

Mythos 6: Datenschutz und Barrierefreiheit schließen sich aus!

Leider lese und höre ich immer wieder, dass Datenschutz und Barrierefreiheit sich gegenseitig ausschließen. "Datenschutz steht Barrierefreiheit im Weg" heißt es einfach.

Woher kommt das?

Der Gedanke, der diesem Mythos zugrunde liegt, ist unter anderem, dass der Datenschutz als große Hürde wahrgenommen wird. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist böse und wenn wir nur endlich alle Daten freimütig allen Unternehmen gäben, würde alles gut. Das schließt mal mehr, mal weniger ausformuliert auch die Barrierefreiheit ein. Facebook kann Bilder erkennen? Na, dann müssen wir das auch nutzen.

Wie ist es richtig?

Bei beidem handelt es sich um Grundwerte, die im Verbund einen deutlichen Mehrwert schaffen. Natürlich steht es jedem frei, das anders zu sehen. Aber einen objektiven Grund, warum der Datenschutz die Barrierefreiheit behindern sollte, habe ich bis heute noch nicht vernommen.

Zum Abschluss

Enden möchte ich mit einem leider realen Beispiel. Ich landete auf einer Seite, die kaum verständlich war. Alles komisch abgehackt und nicht gerade angenehm zu lesen. Bildbeschreibungen stimmten auch nicht mit dem Bildinhalten überein, was ich durch das Gelächter meiner Kollegen erfuhr. (Hey, es geht doch nichts über heitere Stimmung im Büro.)

Ich fand dann heraus, dass die Seite als nahezu perfekt barrierefrei ausgezeichnet wurde. Das war mir ein Rätsel. Die Auflösung fand sich dann in den Prüfschritten. Eine Betrachtung der Seite mit einem Screenreader war nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Da rutschte eben durch, dass im HTML und nicht im CSS die Silbentrennung stattfand.

Als Fazit möchte ich festhalten, dass wir alle die Barrierefreiheit nicht als lästige Anforderung begreifen sollten. Verzichtet ihr darauf, grenzt ihr Menschen aktiv aus. Und der nächste Blinde, der ausgeschlossen wird, hätte vielleicht richtig viel Kohle bei euch gelassen ...

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Dennis Westphal

Dennis ist IT-Berater bei der Gesellschaft zur Entwicklung von Dingen. Sein Gebiet ist die Barrierefreiheit. Hilfreich dabei: Dennis ist seit Geburt blind. Seine Screencasts erstellt er mit Open-Source-Software.