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Statistik im e-Auto-Dashboard. Verbrauch in KWh.

Deutsche Reichweitenangst

Datum der Veröffentlichung

Keine Angst. Das wird kein Autobericht im Stile von "ADAC Motorwelt". Dazu bin ich viel zu weit weg und sowieso schon ewig Inhaber eines BVG-Abos. Und seit Jahren auch Besitzer einer Bahncard.

Und trotzdem wollte ich es wissen

Ich hatte das erste Mal seit Beginn der Pandemie eine Strecke von 400 Kilometern zurückzulegen und wollte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Berlin <-> Bielefeld - das schreit geradezu nach der Deutschen Bahn. Da ich schon viel über die German Reichweitenangst bei Elektroautos gelesen hatte, nutzte ich den Anlass, um einen Praxistest zu machen.

Der Discounter legt noch einen drauf

Ich gebe es zu: Ich wäre gerne Tesla gefahren. 50 Cent je Kilometer waren bei den zurückzulegenden Kilometern aber unattraktiv. Das hätte über dem Preis für ein Bahn-Flexpreis-Ticket 1. Klasse gelegen - und so weit geht mein Spaß dann doch nicht. Fündig wurde ich beim Autovermieter STARCAR, wo es den Renault Zoe im Wochenendtarif inklusive 1.000 Kilometern für 145,00 € gab. Die Kooperation des Anbieters mit Shell Recharge brachte mir außerdem den Zusatzvorteil, dass alle geladenen KWh ebenfalls inklusive waren.

Neue Routenplaner braucht das e-Auto

Weil ja irgendwas an dieser Reichweitenangst dran sein muss, habe ich erst einmal Freunde gefragt. Danke, Grill-Sergeant Stefan, für den Hinweis auf ABRP. Auf den A Better Routeplanner bin ich dann noch öfter hingewiesen worden. In kurz: Als Verwender werden wir von dem Programm zuerst gefragt, mit welchem Fahrzeug wir unterwegs sind. Aus den hinterlegten KFZ-Daten werden dann bei der Streckenplanung optimale Ladeorte ermittelt und die Ladedauer in die Routenplanung einberechnet. Ich musste dann aber feststellen, dass nicht alle Ladesäulen in die Absprachen mit Shell Recharge eingebunden sind. Und auch, dass ich bei ABRP keine Präferenz für Shell Recharge einstellen kann (das wäre ja mal ein nettes Feature gewesen). Also mehrere Apps nebeneinander. Aufladevorschläge per ABRP und Abgleich, ob der vorgeschlagene Standort eine Shell-Kollaboration hat.

AC-/DC-Ladestationen

Ich hatte schon einmal davon gehört: Sofern das Auto das unterstützt, geht das Laden mit DC deutlich schneller. Schneller meint aber, dass eine Ladung immer noch irgendwas zwischen 45 und 75 Minuten dauert. Und das ist deutlich mehr als eine Zigarettenlänge. Dafür bietet ABRP die Möglichkeit, interessante Optionen (Restaurants, Shoppingcenter, Sehenswürdigkeiten) in der Umgebung der Säulen zu suchen und entsprechende Vorschläge zu machen. Ich wusste nicht, dass ich mich dafür interessiere, freute mich aber auf das Schiffshebewerk Magdeburg, bei dem ich 45 Minuten Zeit für Sightseeing haben sollte. Blöd, dass gerade die dortige Säule nicht mit Shell kooperierte, dafür eine andere etwas weiter weg. Vor Ort konnte ich feststellen, dass Schnellladesäulen gerne auch in trostlosen Industriegeländen stehen und Nähe ein relativer Begriff ist. Die 7 km zu dem als Denkmal der Ingenieurskunst gepriesenen Bauwerk waren mir zu weit zum Laufen und ich unterbrach den Ladevorgang nach 15 Minuten, fuhr mit dem Wagen zum Touristenziel und ärgerte mich, dass auf dem direkt daneben angelegten Parkplatz für Besucher nicht einmal eine AC-Säule vorhanden ist. Also weiter nach Helmstedt und da Pause machen.

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Strom aus Abfall. E-Tanksäule

Gelernt: Der Weg gehört zum Ziel

Alle rund 200 km für 50 Minuten Pause machen, ändert die Reisegewohnheiten. Ich bin quasi mit einem Stop am Ziel angekommen. Mir scheint aber, dass eine Entfernung von 800 km mit dem Elektroauto Zoe fairerweise nicht an einem Tag zu schaffen ist. Hardcore-Autofahrer erzählen mir immer von ihren 10/12 Stunden auf dem Bock. Das will ich nicht mehr. Auch nicht mit einem Verbrenner-Zoe. Ich könnte jetzt noch weiter ausholen und auf die gepriesenen Fahrerassistenzsysteme eingehen. Nur so viel: Tempomat und Spurassistent machten mich nach bereits 15 Minuten monotoner Fahrerei unglaublich gelangweilt und müde. Ich war kurz davor zu sagen: „Alexa, fahre mich nach Bielefeld!“ - um dann einzunicken und am Ziel aufzuwachen ;) Aber für diesen Komfort haben wir ja schon ein echt tolles System: Deutsche Bahn. Billiger, schneller, zuverlässiger.

Jeder Provider macht seine Säule

Während die klassische Tankstelle ein weitestgehend einheitliches Erscheinungsbild hat, obliegt die Ästhetik der E-Zapfstation dem Hersteller. Selbst mit markierten Standorten auf digitalen Maps bin ich teilweise mehrfach im Kreis gefahren, um die Säule endlich als Säule zu identifizieren. Erschwerend kommt hinzu, dass auch Standorte in Tiefgaragen angezeigt werden. Darauf kommt man als Anfänger natürlich nicht. Was fehlt, ist ein einheitliches, gerne auffälliges Zeichen, vergleichbar mit den Apothekenschildern. So finden auch wir Ortsunkundigen schnell die Stelle, an der unser E-Mobil Strom ziehen kann.

Die schiere Unzahl von Usability-Gaus an den Säulen ist übrigens einen eigenen Artikel wert. Darauf einzugehen, spare ich mir hier.

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Avacon E-Zapfsäule

Persönliches Fazit

Auch, wenn es kaum etwas Langweiligeres als Autofahren gibt: Angst vor der German Reichweitenangst braucht IMHO keiner zu haben.

Und ratet, wo ich ein Eis gekauft habe.

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Eine Tankstelle für Verbrenner

Was fehlt (für die, die auf Individualverkehr bestehen)

  • Schnellladesäulen an interessanten Hotspots
  • mindestens ein Café und etwas für Kinder in direkter Nähe der Säulen
  • Fotos, die die Säulen sichtbar machen, oder einheitliche Ausgestaltung oder ein definiertes Zeichen
  • Kooperationen zwischen Anbietern und touristischen Sehenswürdigkeiten
  • Usability & Accessibility

Macht was draus. Wenn ihr mehr Detail-Feedback braucht: Wir bieten Workshops für Konzeption, Personas und Über-den-Tellerrand-Schauen an.

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Stephan Luckow

Stephan ist Open-Source-Evangelist und ständig neugierig auf Technologien. Thematisch lassen sich seine Blogbeiträge am ehesten zusammenfassen unter "Wissensdurst (vorerst) gestillt".